Die Wegwerfkuh

 Rezension zum Buch von Tanja Busse

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Eigentlich wollte ich diesen Winter selbst ein Buch schreiben, über meinen Weg vom Städter zum Biobauern und von Biobauern zum Gnadenhofbetreiber. Und grossen Raum sollte die Kuh im Buch einnehmen. Nachdem das Buchprojekt von Tanja Busse angekündigt war, dachte ich: na gut, dann warten wir mal, was sie so schreibt.

Es gibt auffällig wenig Bücher über Kühe, eigentlich unverständlich. Die meisten von uns sind mit Milch aufgewachsen und die Kuh ist fest in unseren Köpfen als Bild verankert: irgendwo zwischen Kinderbuch und Werbebildern auf Milchtüten. Doch wie geht es Kühen wirklich? Wie sieht deren Alltag, deren Lebensbedingungen aus? Bücher dazu? Fehlanzeige!

Und genau hier setzt Tanja Busse an: Wegwerfkuh? Schon der Titel sagt, es läuft fast alles falsch mit unseren Kühen und darüberhinaus in der ganzen Landwirtschaft. Aber droht nicht sofort der moralische Zeigefinger von dogmatischen Veganern und Tierrechtlern? „Artgerecht ist nur die Freiheit“, also am besten alle Nutztiere abschaffen und die Bauern sind die Bösen?

Erste für mich als Bauer angenehme Überraschung: es ist ein Buch FÜR Bauern, nicht gegen sie! Und genau deshalb schon in der Einleitung mein Lieblingssatz „Nur weil es Leute gibt, die über Dinge, von denen sie wenig verstehen, Unsinn reden, heißt das nicht, dass die Entwicklung der Landwirtschaft nicht kritisiert werden darf!“

Als Bauer kann man die recht neutrale Beschreibung über die Art wie wir Kälber von Hochleistungskühen behandeln genauso nachvollziehen wie die Situationsschilderung zur modernen Kuh. Sie beschreibt deren Lage treffend: zurück zur vernünftigen Leistungen kann oder will sich keiner leisten; in der Zucht weiter wie bisher, geht auch nicht; und im Status Quo verdienen nur noch weniger Milchbauern überhaupt Geld. Das ist das Dilemma der modernen Milchkuh und ihrer Bauern!

In vielen Beispielen und unter verschiedenen Aspekten wird die sogenannte Effizienz der modernen Landwirtschaft beleuchtet. Vielleicht etwas zu breit und lang. Denn der Raum für Alternativen oder  Auswege aus dem Dilemma bleibt, der ist zu klein. Die mutmachenden Beispiele und Beschreibungen entsprechender Hofbesuche am Ende des Buches fallen für meinen Geschmack zu knapp aus.

Die Bestandsaufnahme und Kritik an biologischer Landwirtschaft kommt zu kurz und es folgt fast schon am Ende des Buches mein zweiter Lieblingssatz „Eigentlich ist das eine politische Aufgabe: eine Landwirtschaft zu schaffen, die Menschen mit gesunden Lebensmitteln ernährt, die gute Arbeitsplätze auf dem Land erhält, auf den Höfen selbst sowie in der Verarbeitung…“

Für mich ist es nicht nur die Aufgabe, sondern die Pflicht der Politik das zu tun und auch die einzige Chance auf einen langfristigen Wandel. Weder Verbraucher noch Bauern können es mit der Macht der Agrarlobby, der Lebensmittelkonzerne, aufnehmen. Politik muss Verbraucher und Bauern versuchen einzubinden in jenes, was dann „Agrarwende“ heissen kann. Und wenn mit den Lösungsansätzen die grosse Mehrheit der Verbraucher und Landwirte zufrieden ist, dann wird das auch ein Ansatz sein, der Tieren wieder zu mehr Würde und Respekt verhilft, ganz automatisch!

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Andreas Fendt, Biobauer

Der Autor betreibt einen Vollerwerbsbetrieb mit nur 8 Hektar auf 900 Meter im Schwarzwald. Angebaut wird hauptsächlich Dinkel und Tomaten. Es erhalten 20 Schwarzwaldziegen und 2 Hinterwälder Kühe das Gnadenbrot. Seine Stiftung Lebenshof Ziege-Kuh-Mensch unterstützt dabei.

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